Der Reporter und das Ich (und Ich)

Weg da, das habe ich immer gedacht, wenn in Reportagen zu oft das Wörtchen „ich“ auftauchte, ich ging die Straße runter, ich bekam einen Kaffee, der Protagonist rief mich an. Außer bei Günter Wallraff natürlich, da war das okay, und bei anderen Selbstversuchen vielleicht, und bei Kolumnen. Aber sonst. Weg mit dem ich, weg mit dem Ego. Noch schlimmer als ich fand ich nur, das ich wegzulassen und stattdessen „der Reporter“ zu sagen. Das ist ja total schizophren.

Seitdem ich in den Vereinigten Staaten wohne, rennt mir das ich, bzw. viel mehr das „I“ und das „me“ ständig durch die Zeilen. Aber es stört nicht mehr. Denn es schafft Transparenz. Der Reporter schreibt nicht ich, um zu zeigen: Schau, wie toll ich bin, er hat mich angerufen. Sondern er dokumentiert. Der amerikanische Reporter lässt den Leser teilhaben an der Recherche, mal mit ich, mal ohne, aber oft ziemlich genau. Ein schönes Beispiel ist ein Feature im Washingtonian Magazin über einen Mann, der seit zwei Jahrzehnten vor der Botschaft des Vatikan demonstriert: „Viganò, who became nuncio to the United States last October, didn’t respond to phone calls, e-mails, faxes, and a certified letter requesting an interview for this story.“

Und irgendwie ist der Reporter bei so einer großen Geschichte natürlich Teil davon, Objektivität hin oder her. Dann darf er das auch sagen. Gerade bei einem Portrait: „When I was with Wojnowski outside the Dupont Circle Metro one day, he rejected a friendly cabbie’s offer of a free ride to the nunciature. He refuses food from strangers, for fear of being poisoned, and declined my offer to interview him over coffee or a meal.“

Vielleicht sollte er das sogar sagen, wie in diesem Feature im Washington Post Magazine über einen Staatsanwalt und seinen Kampf einen mutmaßlichen Mörder hinter Gittern zu lassen. Eine großartige Passage auf Seite Drei:

„I intend to spin you toward a certain conclusion. The process is stealthy and has already begun; it was no accident that I called Dr. MacDonald’s stab wound an “incision.” I have come to believe that Jeffrey MacDonald murdered his family and injured himself as part of a coverup. (…) I’d never met Brian Murtagh before starting on this article, but he and my lawyer-wife worked together for years at the Justice Department. She would tell me about her friend who, 30 years after the case that would consume his life for better or worse, could not stop talking about ice picks, bloodstains, holes in pajamas, and beautiful, dead children.“ Das ist Transparenz!

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