„Medien behandeln Hillary Clinton ohne Respekt“

JulieZeilingerBookHeadshot-1Am Samstag, 9. Februar, ist das Interview mit der 19-jährigen US-Feministin Julie Zeilinger im Magazin des „Kölner Stadt-Anzeiger“ erschienen. Infos zu ihrer Person gibt es auf ihrem Blog. Hier ihre Aussagen in voller Länge:

Frau Zeilinger, in Deutschland gibt es eine Sexismus-Diskussion, nachdem ein deutscher Politiker zu einer Journalistin gesagt haben soll, sie würde auch sehr gut “in ein Dirndl” passen. Wäre so eine Aussage in den USA möglich?
Julie Zeilinger: Hier ist es gängig, dass Politiker unfassbar unangebrachte Dinge über Frauen und ihre Sexualität sagen. Ob das jetzt gegenüber einer Journalistin war, da kann ich mich nicht erinnern, aber im letzten Wahlkampf war es enorm, vor allem durch republikanische Senatoren. Wir nennen das „Slutshame“, wenn versucht wird über die Sexualität einer Frau zu urteilen und ihr sogar die Schuld an sexueller Gewalt zu geben. Todd Akin sagte zur Frage, ob Abtreibungen nach Vergewaltigungen legitim wären: „Wenn es sich um eine rechtmäßige Vergewaltigung handelt, hat der weibliche Körper die Möglichkeit das abzustellen.“ Damit sagt er ja auch, es gäbe nicht rechtmäßige Vergewaltigungen, die dann die Schuld der Frau sein sollen.

Wie sieht es mit Sexismus im Alltag aus?
Zeilinger: Ich gehe momentan auf’s College und da fällt mir auf: Meine Generation ist mit der Idee aufgewachsen, Sexismus gäbe es seit Jahrzehnten nicht mehr. In den Medien und in der Popkultur heißt es: Wir befinden uns im Post-Feminismus. Aber Sexismus existiert noch, als Diskriminierung am Arbeitsplatz, als sexuelle Belästigung auf der Straße oder als erniedrigende Kommentare wie der des deutschen Politikers. Weil unsere Generation aber denkt, es gibt keinen Sexismus mehr, geben sich viele selber die Schuld anstatt dagegen zu kämpfen.

Wie definieren Sie Sexismus? Gehört der schlechte Witz schon dazu?
Zeilinger: Es gibt eine offizielle Definition, die auch meine Meinung ist: Jede Aktion, die ein Mann benutzt, um seine Macht gegenüber einer Frau auszunutzen, jeder Kommentar, der zeigen soll, der Mann kann Dinge machen, die eine Frau nicht kann. Welche weibliche Politikerin wäre mit so einem Spruch davongekommen?  Oft sind es Männer, es kann aber auch andersrum sein.

Es gibt die Meinung, Frauen würden ihre Attraktivität auch ganz gezielt einsetzen…
Zeilinger: Diese Idee, Frauen würden ihr Aussehen benutzen um weiterzukommen, ist nur ein Fluchtversuch, um Frauen die Schuld an der Situation zu geben. Da werden gesellschaftliche Strukturen ignoriert, die Schönheit hoch bewerten und es wird der Versuch unternommen, Frauen individuell dafür zu verurteilen, wie sie auf dieser Welt existieren. Das richtige Thema sind aber nicht die Frauen, sondern die Täter.

Wir hatten nun den Fall, wie ein Politiker eine Journalistin behandelt. Aber wie ist es andersrum? Wie wird über Politikerinnen berichtet?
Zeilinger: Hillary Clinton ist ein gutes Beispiel dafür, wie Medien mit Frauen, und besonders mit Politikerinnen umgehen. Nämlich ohne Respekt. Während des Wahlkampfs wurde Hillary Clinton als schrill und überheblich dargestellt und in der Berichterstattung über ihre Kampagne ging es um ihren fehlenden Stil. Die Medien würden nie infrage stellen, was ein männlicher Politiker anhat. Bei Sarah Palin wiederum ging es immer nur um ihren Sex-Appeal. Dasselbe gilt heute für Michelle Obama. Nachrichtensendungen zeigen, welchen Designer sie grade trägt, aber viel seltener, an welchen substanziellen Kampagnen sie als First Lady arbeitet, zum Beispiel im Kampf gegen das Übergewicht von Kindern.

In Deutschland herrscht der Eindruck, Amerika sei eigentlich prüde…
Zeilinger: Amerika ist ideologisch gespalten. Da ist der sehr konservative Teil des Landes, der versucht, Frauen und ihre Körper einzuengen. Manche Staaten versuchen die Pille danach zu verbieten, in manchen Staaten soll es im Unterricht die nur-Abstinenz-Sexualkunde geben. Aber es gibt auch viele Leute, die versuchen das Gespräch darüber zu beginnen, wie wir gesund und offen mit unserer Sexualität umgehen können. Diese beiden Ideologien prallen aufeinander und zusammen mit den Aussagen einiger ignoranter Politiker entsteht die falsche Vorstellung, Amerika sei prüde.

Welche Rolle spielt Feminismus heute in diesem Diskurs?
Zeilinger: Feminismus ist noch immer eine starke Bewegung, die diese Themen anspricht – natürlich anders als der Feminismus der 70er, womit der amerikanische Feminismus oft assoziiert wird. Der Feminismus der 70er hatte vor allem mit offensichtlichem Sexismus zutun und war deshalb darauf konzentriert, Gesetze durchzubringen wie das „Equal Rights Amendment“. Wir haben jetzt zwar Gleichheit vor dem Gesetz, aber im Alltag eben noch nicht und wir arbeiten daran, das durchzusetzen: Unter anderem für Rasse, Sexualität, Klasse und Geschlecht.  Das Internet ist dabei ein sehr starkes Instrument, weil es so viele Ressourcen zugänglich macht.  Das hat die Bewegung zu einem gewissen Grad auch demokratischer gemacht. Jeder kann sich einbringen, bloggen, Petitionen unterzeichnen und über Social Media von Aktionen vor Ort erfahren.

Auch in Amerika gibt es weniger Frauen in Führungspositionen? Liegt das am Sexismus oder an der Einstellung von Frauen?
Zeilinger: Wir leben noch immer in einer Gesellschaft, in der Männer Vorteile haben, die Frauen nicht haben. Die USA ist aber auch sehr durch Geschlechter geprägt und wir erziehen Mädchen und Jungen verschieden. Mädchen wird beigebracht, sich zurückzuhalten, still zu sein und vor allem auf ihr Aussehen zu achten. Das macht es für Frauen schwieriger,  Führungsqualitäten zu entwickeln, wie zum Beispiel Autorität und Entschlossenheit. Doch selbst wenn sie die haben, ist es hart für sie, ernst genommen zu werden, eben wegen der Stereotypen.

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