Gastbeitrag

Der amerikanische Traum – auf den Spuren eines Mythos

von Marc Andruszko

Zwei Jahre zuvor bin ich durch die endlosen Wüsten Arizonas gefahren, habe das Death Valley, Monument Valley, den Grand Canyon und durch die Landschaft galoppierende Wildpferde gesehen; lag im „Garden of the Gods“ im Caesars Palace Las Vegas; fuhr den Highway 1 entlang und bekam nach jeder Kurve eine neue Schicht Gänsehaut; stand mitten auf der Route 66, breitete die Arme aus und meinte, die Freiheit zu spüren für die Amerika so berüchtigt ist, während Kolonnen von Harley Davidsons an mir vorbei knatterten.

Ich habe tausende Meilen auf den Highways Amerikas verbracht, aber habe noch nicht genug bekommen von diesem Land und den Menschen. Warum übt Amerika immer noch eine solche Faszination auf die Menschen aus? Ist es immer noch dieser mystifizierte amerikanische Traum, der am Ende die Nation zusammenhält?

Die Zugfahrt ist lächerlich lang. Zehn Stunden auf den Gleisen statt eine Stunde in der Luft. Wäre da nur nicht meine ungesunde Flugangst, die es mir nicht erlaubt, per Flugzeug zu reisen, falls es eine vernünftige Alternative gibt.

In Washington D.C. werden die Lokomotiven ausgetauscht. Von dort aus geht es mit tausenden Litern Benzin im Tank weiter durchs amerikanische Niemandsland, an der rauen Ostküste entlang und durch die Ghettos der Vorstädte, in denen eigentlich niemand leben will – aber Hunderttausende leben müssen. Endstation: Raleigh, Hobbygeographen bekannt als Hauptstadt von North Carolina.

„Sir, brauchen Sie ein Taxi?“, ruft mir ein dunkelhäutiger Mann durch die erbarmungslose Mittagshitze entgegen. Ich frage ihn nach dem Preis für eine Fahrt nach Chapel Hill, denn ich will dort keine böse Überraschung erleben und das erste Mal meine Kreditkarte überziehen, wie es hier in Amerika Usus ist.

Sein uralter Ford Taurus quietscht schon beim Einsteigen, doch so lange die Klima-Anlage funktioniert, ist mir das herzlich egal. Als ich ihm erzähle, dass ich hier bin, um an der UNC zu studieren, blitzen seine schneeweißen Zähne auf und er macht mir begeistert ein Pauschalangebot.

„Egal wie lange wir fahren: 60 Dollar, mein Freund.“

Er rollt das R wie ein Franke, kommt jedoch aus Somalia.

Vor über 10 Jahren sei er in die USA geflüchtet und habe sich seitdem für seine Familie mit diversen Jobs durchgeschlagen. Taxi fahre er seit ein paar Jahren, erst angestellt, vor kurzem habe er sich ein eigenes Auto geleistet und betreibe nun sein eigenes kleines Unternehmen mit welchem er seine Familie versorge. Seine Kinder sollen später auch die Möglichkeit haben, an der UNC zu studieren.

Was ich denn genau studiere, fragt er mich.

Die Klima-Anlage ist kaputt und wir brausen mit 90 Meilen die Stunde und offenen Fenstern über einen vierspurigen Highway. Die feucht-warme Luft klatscht mir ins Gesicht und hinterlässt einen dünnen Film Schweiß auf meiner von der langen Reise und der fiesen Luft im Flugzeug trocken gewordenen Haut.

„Jura“. Dass ich aber noch nicht genau wisse, was ich damit anstellen werde.

Er grinst mich durch den Rückspiegel an.

„Wer weiß schon, wo das Leben uns hinführt?“

Er macht eine längere Pause – vielleicht hat er die Geschichte schon öfter in seinem Taxi vorgetragen und ist sich der Wirkung dieser Zäsur bewusst – und berichtet mir dann von seiner Zeit in Somalia.

Er habe Business-Management studiert und eine Weile für ein großes Unternehmen gearbeitet. Bis der Krieg kam und er seine Familie in Sicherheit bringen musste.

„Sie haben meinen Universitätsabschluss nicht anerkannt. Aber ich darf hier leben. Es wird viel Schlechtes über Amerika erzählt bei euch in Europa. Man hört das. Wenn du mich fragst, ist es ist immer noch das schönste Land der Welt. Wir leben in Sicherheit, ich kann Geld verdienen und meine Söhne haben die Chance ein Stipendium für die Universität zu bekommen.“

Ich frage ihn, ob er seine Heimat vermisse.

Er überlegt lange und ich spüre, dass er innerlich mit dem Thema immer noch nicht abgeschlossen hat und seine Antwort wirkt alles andere als routiniert. Man fühlt, dass die Erinnerungen an ihm knabbern.

„Ich denke jeden Tag an Somalia, an mein zuhause. Doch mein Somalia gibt es nicht mehr, der Krieg hat es mir weggenommen. Ich bin da zuhause, wo meine Familie ist und das ist hier.

Am Campus der UNC Chapel Hill angekommen, besteht er darauf, mein Gepäck aus dem Kofferraum zu laden.

Ich gebe ihm 100 Dollar und sage: „Goodbye“. Er schüttelt den Kopf.

„60 Dollar mein Freund. Das war der Deal. In Amerika gilt: Deal ist Deal.“

Wir reichen uns die Hand und wünschen uns gegenseitig das Beste.

Auftakttraining der Fußballmannschaft der UNC: Die Uni ist bekannt für ihr herausragendes Soccer-Team. Enzo betritt die Kabine, ein spitzbübisches Lächeln, ein kleiner blitzender Stecker im linken Ohrläppchen, O-Beine wie aus einem orthopädischen Lehrbuch.

Er schüttelt jedem die Hand, wird umarmt, bekommt auf die Schulter geklopft, lässt jeden dummen Spruch seiner Mannschaftskollegen mit einem Grinsen über sich ergehen.

An meinem Platz angekommen schüttelt er mir die Hand und schaut mich mit seinen azurblauen Augen an. Seine Begrüßung ist herzlich und ich spüre sofort, dass dieser Junge etwas Besonderes an sich hat.

„Ich bin Enzo. Schön, dich kennenzulernen.“

Enzo Martinez wurde 1990 in Uruguay geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Montevideo auf, an einem Ort, an dem ihm nichts anderes übrig blieb, als nach Schulschluss zu kicken, Tag für Tag. Zehn Jahre seiner Kindheit verbrachte er dort, bis sich sein Vater entschloss, das Schicksal der Familie Martinez in die Hand zu nehmen und den großen Schritt in die USA zu wagen.

Enzo kam als junger Uruguayer in die Staaten, er ließ seine Freunde zurück, musste eine andere Sprache von Grund auf erlernen und sich an eine völlig andere Lebensweise anpassen.

Doch Enzo und der Fußball waren unzertrennlich. Den Fußball, seinen Lebensinhalt, konnte ihm keiner so leicht wegnehmen: weder auf, noch neben dem Platz.

Er hatte in den Gassen und Hinterhöfen Montevideos gelernt, mit dem Ball zu zaubern, und so war er in den USA von Anfang an seinen Gegnern immer einen Schritt voraus; er konnte kämpfen, beißen, sich durchsetzen, bis zur letzten Sekunde rennen. Das hatte ihm die Straße beigebracht. Und er konnte mit seinem Instinkt für die Situation und der grenzenlosen Liebe fürs Spiel jederzeit den einen genialen Moment kreieren, der am Ende den Ausschlag über Sieg oder Niederlage geben würde. Auch hatte er den Charakter, nicht auf den Gegner herabzuschauen, sondern mit Respekt Fußball zu spielen und ihm nach dem Spiel die Hand zu reichen.

Enzo Martinez, der kleine Junge aus Uruguay, schoss während seiner Zeit an der High-School in South Carolina 182 Tore. In Worten: hundert-zwei-und-achtzig. Rekord im Staat South Carolina. Er schrieb seinen Klassenkameraden schüchtern Autogramme, wurde von ESPN interviewt und von 16jährigen Girls umschwärmt.

Das alles wusste ich noch nicht, als Enzo sich mir in der Kabine vorstellte.

Täglich um 14 Uhr zu trainieren heißt in Chapel Hill täglich gefühlte fünf Liter Wasser zu verlieren. Die ungewohnte Schwüle drückt gewaltig und ich ertappe mich dabei, den eiskalten Proteinshake, der uns nach jeder Einheit von den Physios in die Hand gedrückt wird, mehr herbeizusehnen als alles andere. Doch meistens bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Zumindest nicht, wenn man einem Enzo Martinez zwei Stunden hinterherrennen muss, wenn man an seinen Finten und Haken und blitzschnellen Wendungen verzweifelt.

Nach zwei Wochen täglicher Qual für meinen Kindheitstraum sagt mir der Coach, dass sein Kader in der Defensive bereits extrem gut besetzt sei und er mir keine großen Hoffnungen für die kommende Saison machen wolle.

Der Kapitän will mich unbedingt dabei haben. Die Mannschaft hätte mich ins Herz geschlossen.

Nachdem ich mich zwei Tage später nach einer schlaflosen Nacht beim Trainer mit der Begründung abmelde, die Law School und der Soccer seien vom Zeitaufwand her nicht miteinander zu vereinbaren, fällt mir ein Stein vom Herzen. Der Ballast ist wie weggeblasen.

Befreit von Reue über fehlenden Mut, früher, vielleicht direkt nach dem Abitur, hier her gekommen zu sein, laufe ich beschwingt und überglücklich über den Campus und weiß, dass ich für mich selbst das Größte erreicht habe. Ich kann das Kapitel College-Sport abschließen, obwohl ich es nie wirklich aufgeschlagen habe. Das Schöne ist: Es fühlt sich an, als hätte sich der Traum wirklich erfüllt.

Drei Monate später, am Vorabend des Viertelfinales der Landesmeisterschaften, treffe ich Enzo Martinez auf dem Campus. Er begrüßt mich wie einen langjährigen Mitspieler.

Ich wünsche ihm viel Erfolg und versichere ihm meine volle Unterstützung am Spielfeldrand.

Schmunzelnd verabschiede ich mich mit dem Wunsch, ihn eines Tages in Deutschland spielen zu sehen.

„Das bedeutet mir viel. Ich wünschte, du wärst im Team“, ist das Letzte, was Enzo zu mir sagt.

Es ist Thanksgiving. Der Campus ist wie ausgestorben. Alle sind unterwegs nach Hause.

Am Flughafen treffe ich einige Studienkollegen. Flugziele: New York, Boston, Miami.

Alle strahlen sie bis über beide Ohren, in freudiger Erwartung, die Familie endlich wieder zu sehen und für ein paar Tage Kind sein zu dürfen. Ich steige ins Flugzeug nach Chicago.

In der „Windy City“ werde ich von meiner Cousine am Terminal abgeholt.

Wir fahren drei Extrarunden um das Flughafengelände bis auch mein Cousin, der in Fort Meyers, Florida, studiert, aus der Flughafenhalle gerannt kommt und meine genervte Cousine anhält, um ihn einzusammeln. Lange habe ich die Beiden nicht gesehen aber es ist ein gutes Gefühl.

Daheim erwarten uns Bob und Ursula. Onkel Bob, der obercoole Arzt, den nichts aus der Ruhe bringen kann und Tante Ulla, die wie eine Biene um uns herumschwirrt und versucht, es allen Recht zu machen. Das Haus in einer Suburb Chicagos, ist das typische Anwesen einer amerikanischen Mittelstandsfamilie.

Wir sitzen an einer langen Tafel im Wohnzimmer.

Mein flippiger Cousin hat sein bestes Sonntagshemd angezogen und sauber in die Hosen gesteckt, meine Cousine ist ebenfalls fein herausgeputzt und rollt die Augen über die abfälligen Kommentare ihres Bruders; die Eltern von Bob sind aus der Innenstadt, wo sie seit über 40 Jahren wohnen, gekommen – eine Stunde Autofahrt in dichtem Verkehr. Eine lange Anreise für Leute jenseits der Achtzig. Und mittendrin bin ich: der Deutsche.

Ulla tischt den riesigen Truthahn auf. Der ganze Tisch ist bedeckt mit Soßen, Beilagen und Getränken. Onkel Bob kredenzt einen fünfzig Jahre alten Wein, den er von einem Patienten geschenkt bekommen hat.

Man merkt Bobs Vater an, dass er nicht mehr allen Gesprächen folgen kann. Dennoch fragt er mich interessiert nach meinem Studium und meinen Plänen für die Zukunft. Auch will er wissen, wie es meiner Familie zu Hause geht.

Dann erzählt er mir über den Krieg. Über seine Zeit auf Iwojima 1945. Die Angst. Das Heimweh. Sein Stolz, als er wieder amerikanischen Boden betrat und die Leute ihm zujubelten.

Auf einmal sagt er ganz ernst und bestimmt: „Das sollte nie wieder passieren. Aber es passiert.“

Es kommt mir vor, als betone er jedes einzelne Wort, so langsam spricht er: This. Should. Never. Happen. Again. But. It. Happens.

Der ganze Tisch verstummt.

Ich bin fasziniert von der plötzlichen Klarheit im Blick des alten Mannes, den ich beim Hereinkommen als dementen Greis an einem Krückstock wahrgenommen hatte.

„Ich habe versucht, zu vergessen. Ich vergesse sonst alles, bin ein alter Mann geworden. Aber es gibt Dinge, die man nie vergisst.“

„Genug von den alten Geschichten“, sagt seine Frau und kichert.

Ulla, soll ich dir beim Abtragen helfen? Alle warten auf den Nachtisch. Stimmt‘s, Kinder?“

Sie tätschelt beim Aufstehen liebevoll die Wange meines Cousins.

Ich schaue Bobs Vater immer noch in die Augen. Er ist wieder ganz weit weg.

Es ist der 19. Dezember 2010, Zeit, North Carolina zu verlassen: den Campus, welchen ich heute noch mein Zuhause nennen kann, die Menschen, an die ich immer noch täglich denke.

Ich trage einen Kapuzenpulli in der Farbe der Uni, einem wunderschönen Himmelblau. Genauso blau wie der „Carolina Blue Sky“, der mich nahezu täglich beim Verlassen meiner Studentenbude mit seinem breiten Horizont anstrahlte.

Sie schaut auf das Ticket, blättert in meinem Pass, sieht, dass ich Deutscher bin und nach Deutschland fliege.

„Kommst du wieder?“, fragt sie mich.

Ich halte einen Moment inne und schaue sie an.

„No“, sage ich und zwinkere ihr zu, nehme meinen Pass entgegen und marschiere in die Maschine, die mich auf den Weg zurück nach Deutschland bringt. Ich nehme die Sicherheit im Gepäck mit, irgendwann wieder zurückzukehren.

Dieser Essay wurde Anfang 2011 geschrieben.

Nachtrag im März 2013: Enzo Martinez wurde 2012 mit der Soccer-Mannschaft der UNC Landesmeister. Die Tarheels gewannen den College Cup, nachdem sie in den Jahren zuvor zwei Mal knapp gescheitert waren. Enzo war einer der Garanten für diesen riesigen Erfolg und verließ das College noch als Junior, um als Profifußballer in der MLS für Real Salt Lake zu spielen.

Marc Andruszko studiert Jura an der Universität Mannheim. 2010 erfüllte er sich seinen großen Traum vom Studium in den USA: Er besuchte die Law School der UNC Chapel Hill. Kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland schrieb er diesen Essay, der bisher unveröffentlicht blieb. Marc Andruszko ist neben seinem Studium als freier Journalist und Übersetzer tätig und ist Gründer von Schlenzer.net, dem Fußballblog für anspruchsvolle Fußballfans.

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