Suche nach dem verlorenen Glück

Seit 15 Jahren protestiert John Wojnowski jeden Tag gegen die katholische Kirche

Manchmal hat er sich abends in sein Bett gelegt und seine Mundwinkel nach oben gezogen. Vielleicht, so dachte John Wojnowski, würde er dann am nächsten Morgen aufwachen und wieder glücklich sein. So wie auf den Bildern von damals, auf denen der kleine Junge doch immer lächelte. Bis zu diesem Tag, an dem alles dunkel wurde, tot. So beschreibt John Wojnowski das Gefühl, als er mit 15 Jahren das Zimmer des Priesters in Italien verließ. Seine Eltern waren aus Polen ausgewandert, Wojnowski besuchte eine katholische Schule. Der Priester habe ihn gefragt, ob er ihm Nachhilfe in Latein geben solle.

„Er hat mir gesagt, ich solle masturbieren. Ich habe erst gelacht, das war doch eine Sünde. Das wusste ich, das Einzige, weshalb ich immer zur Beichte gegangen bin.“ Und dann habe er den Fehler gemacht, der sein ganzes Leben zerstört habe. „Ich habe zu ihm gesagt, zeig du mir erst mal deinen.“ Doch der Priester habe ihm umständlich erklärt, dass es da nichts mehr zu sehen gebe. An das, was danach geschehen ist, hat John Wojnowski keine Erinnerungen mehr. Bevor er weitererzählt, schwenkt er noch einmal sein Plakat: „Catholics cowards“ (Katholische Feiglinge) steht darauf.

Seit 15 Jahren steht der fast 70-Jährige hier an der Straßenecke vor der Botschaft des Vatikans in der US-Hauptstadt Washington. Jeden Tag, Rushhour, von fünf bis acht. Ein Hupen, John Wojnowski winkt. Und lächelt. Eine Joggerin in kurzem pinkfarbenen Höschen läuft vorbei und klatscht, beide Daumen hoch. Die Massachusetts Avenue ist zum Leben des John Wojowski geworden und ein bisschen ist Wojnowski zum Teil dieser Straße geworden.

Drei Vizepräsidenten hat er erlebt, sie wohnen gleich gegenüber. Dick Cheney hatte eine Crew von acht Motorrädern, Joe Biden habe neun, erzählt Wojnowski. Die Plakate vor der Botschaft, das ist fast alles, was ihm noch geblieben ist. Der Priester habe sein Leben ruiniert. Wojnowski brach die Schule ab, wanderte in die USA aus. Sein Vater arbeitete als Diplomat, sein Bruder war Ökonom für die Regierung, John blieb einfacher Arbeiter in der Stahlbauindustrie. Er lebt getrennt von seiner Frau und seinen zwei Kindern. Jahrelang wusste er nicht, warum er keine sozialen Bindungen aufbauen konnte, warum er immer so traurig war. Die Erinnerungen kamen erst so richtig wieder an die Oberfläche als Wojnowski in den 90ern über den Fall eines Priesters in den USA las. Die Diözese Dallas zahlte einen Millionenbetrag an die Opfer. „Ich schäme mich dafür, aber ich dachte zuerst: Was für ein Glück, ich wurde von einem katholischen Priester missbraucht.“

Wojnowski fordert eine Entschädigung, doch die Antwort aus dem Vatikan lautete, der Priester sei verstorben. Die Kirche würde für seine Therapie zahlen – und beten. Seitdem schreibt Wojnowski weiter Briefe, einen Anwalt möchte er sich nicht nehmen. Er traut nur wenigen Menschen. Eine Therapie hat er vor ein paar Jahren begonnen und wieder abgebrochen. Aber, so sagt er, es sei komisch, jahrzehntelang habe er Probleme gehabt, mit Menschen zu sprechen. Doch hier an der Straßenecke hat er so vielen seine Geschichte erzählt. An diesem Abend bleibt eine junge Frau stehen. Sie fühle mit ihm, sie sei lange von ihrem Vater vergewaltigt worden. Ihre Familie glaube ihr nicht, doch seitdem sie über das Erlebte blogge, schrieben ihr so viele Frauen, die das Gleiche durchlitten haben. Eine traurige Geschichte. John Wojnowski lächelt trotzdem viel an diesem Abend. Ja, vielleicht habe er ein wenig seines Glücks wiedergefunden, hier an der Massachusetts Avenue.

erschienen am 8. April auf Seite 2 des Kölner Stadt-Anzeiger

Diese Geschichte war nicht einfach aufzuschreiben, denn John Wojnowski erzählt viel und erhebt Anklage auch gegen Mitarbeiter des Vatikan. Er hat mir Bilder und Videos gezeigt, einiges davon lässt sich auf seiner Homepage nachlesen. Das Magazin Washingtonian hat sich außerdem auf die Suche nach dem Peiniger gemacht und ist tatsächlich in Italien fündig geworden, die tolle Recherche ist hier nachzulesen

Als ich das Interview geführt habe, war noch Papst Benedikt im Amt!

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