Ich knipse, also bin ich

Aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 11. August

Das Smartphone in die Hand, den Arm ausgestreckt und abgedrückt: Die halbe Welt knipst sich heute selbst und stellt die Fotos online. Was sagen diese „Selfies“ über uns?

Eine Umwelt-Recherche in China

Die Gründerin einer NGO mag keine Journalisten und fühlt sich wie ein Panda. Und auf einem Bio-Hof gibt es Geigenmusik für die Schweine.

Zehn Tage habe ich Anfang Juli mit der Journalisten-Akademie in Shanghai zum Thema Umwelt recherchiert. Thema: Nahrungsmittelknappheit in der Zukunft (weil die Chinesen immer mehr konsumieren, wenig Land, wenig Wasser haben, und gerade die Mittelklasse mehr Fleisch isst). Bald gibt es dazu ein Magazin, jetzt schonmal die Geschichte einer Recherche, die vielleicht ein bisschen über das chinesische Verständnis von Umweltschutz, aber auch über die Haltung gegenüber Journalismus erzählt.

  • Die Recherchepartner studierten Journalismus an der Fudan-Universität, einer der Elite-Universitäten im Land. Worauf der Dekan besonders stolz zu sein schien: Im Trainingszentrum werden Regierungsbeamte im Umgang mit Social Media ausgebildet.
  • Meine Recherchepartnerin glaubte gar nicht an das Thema. Wenn die Menschen mehr essen, dann könne man ja einfach mehr anbauen.
  • Recherchestation 1: Kleinbauern auf der Insel Chongming nahe Shanghai. Zum Thema Pestizide befragt, erklären sie, dass manchmal ein Auto der Regierung mit Lautsprechern durchs Dorf fährt und erzählt, wie sie richtig anbauen und wann sie Pestizide benutzen sollten. Das fänden sie nützlich, aber eigentlich nur das Ende: Die Wettervorhersage.
  • Station 2: Ein Bio-Bauernhof. Die Decke innen wird von einem geschnitzten Baumstamm gehalten, auf dem Kiesweg steht ein Golf-Cart. Für die Schweine gibt es Geigen-Musik, für den Verbraucher Lebensmittel, die mehr als doppelt so viel kosten wie in der herkömmlichen Landwirtschaft.
  • Station 3: Eine NGO will Bauern aufklären, eine Umweltjournalistin hatte uns gesagt, dort bekämen wir Informationen darüber, dass die Regierung billige Pestizide verteile. Stattdessen beschimpfte die Gründerin der NGO uns. Zu jeder Frage sagte sie, das sollen wir mal googlen. Und Journalisten möge sie nicht, sie fühle sich wie ein Panda, den alle anfassen wollten. Nach einer Frage zur Regierung sagte sie: „What a foolish young view“. Journalisten würden immer nur das negative sehen. Aber sie habe viel von ihrem früheren Professor gelernt. Der habe sie immer gefragt: Wieviel Prozent glaube sie, sei an Lebensmitteln vergiftet. Zwanzig Prozent habe sie geantwortet. Da habe ihr Professor gesagt: Sehen Sie, aber 80 Prozent sind sicher. Und so sehe sie das jetzt auch, bei der Regierung gebe es gute und negative Dinge. Wichtig sei aber, die guten Dinge besser zu machen. (Und am Ende haben wir alle noch ein Smartphone-Gruppenfoto gemacht)
  • Station 4: Hier wird an der Revolution gearbeitet. Aquaponics heißt das Verfahren der Firma Original Life, geführt von einem Amerikaner. Ein geschlossenes Ökosystem von Fischen und Pflanzen, 2030 würden 90 Prozent der Lebensmittel so hergestellt, glaubt Gründer Irving Steel. Von der Regierung gebe es einiges an Geld für Innovationen aus dem Ausland, jeder Doktortitel aus dem Ausland bringe mehr Geld. Ob man denn die Farm jetzt auch mal sehen könnte? Leider nein. Ein Notfall, sagt Assistent Andy. Sie sei gerade nicht vorzeigbar. Wissenschaftliche Forschungen, sagt Steel. Aber der Durchbruch stehe kurz bevor.

Inside an American newsroom

Mehr als 20 Regional-und Lokalzeitungen, ein Verlag, ein Hauptstadtbüro. In Washington DC habe ich vier Monate lang die halbe Woche bei McClatchy DC hospitiert, nach der Washington Post und der New York Times eines der größten Büros mit 40 Reportern und Editors. Viele haben mich gefragt, wie das so war, amerikanischer Journalismus, Arbeiten in einem Redaktionsbüro.

Es funktioniert! Natürlich sind Redaktionsgemeinschaften oft die Folge eines Sparkurses. Was das bedeutet, darum soll es hier aber nicht gehen, sondern wie ein Büro das Beste draus macht. Die McClatchy Newspapers waren damals mit die einzigen, die kritisch über den Irak-Krieg berichtet haben und wurden auch dieses Jahr mit ihrer Syrien-Berichterstattung für den Pulitzer-Preis gehandelt. Aber auch die Inlandsberichterstattung funktioniert:

  • Der Fokus liegt auf exklusiven Geschichten. Agenturen werden eigentlich nur für den Tagesplan verwendet. Am meisten hat mich erstaunt, wie wenig Artikel pro Tag entstehen. Ich würde schätzen, dass jeder Reporter im Durchschnitt zwei Geschichten pro Woche produziert. Die erste Rechercheaufgabe nach jedem Themenvorschlag war deshalb für Praktikanten: Das Internet leersuchen, ob nicht doch schon jemand anders die Geschichte oder eine ähnliche gemacht hat. Weiterlesen

About the Germans: Obama in Berlin

Das schreibt die amerikanische Presse zum Besuch von Obama in Berlin:

Politico: President Obama’s chance to build on spirit of Berlin Airlift

Berlin is a place for big presidential statements. The famed snippets of Presidents John F. Kennedy, Ronald Reagan and Bill Clinton speaking in the German capital are the highlight reel of American foreign policy in the second half of the past century. The power of that legacy remains nearly 25 years after the end of the divisions that made Berlin the central battleground of the Cold War.

So President Barack Obama’s public address at the Brandenburg Gate on Wednesday is a major opportunity — at an opportune moment. In recent months, liberals have become more publicly critical of his administration’s use of drone strikes while conservatives have pushed for intervention in the Syrian conflict. Meanwhile, the public at large has yet to be convinced of a new comprehensive approach to America’s post-war-on-terror national security that rises above ad hoc problem solving and crisis management.

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Lieber Barack Obama

um Dir ein wenig Arbeit zu ersparen, habe ich meine Emails der letzten zwei Wochen vorsortiert. Hier diejenigen, die dich interessieren könnten.

  • 8. Juni, 12.47. „Falls Sie an Millionengewinnen interessiert sind, konnen wir Ihnen ganz sicher weiterhelfen! Im Ruby Palace erwarten Sie uber 450 verschiedene, erstklassige Casinospiele und wir geben Ihnen einen 200% Willkommens-Bonus, um sie alle auszuprobieren.“ (Lösung für Sequester???)
  • 6. Juni, 16:06. Spring-Deals bei Expedia. Urlaub!
  • 5. Juni, 15:42.  Papa sagt, Haarglätter sind nicht gut für die Haare. (Bitte weiterleiten an Michelle)
  • 5. Juni, 12.44. „Vielen Dank für Ihren Fahrkartenkauf.“ Ich sag’s lieber gleich: Hole mein Visum für Shanghai ab.
  • 5. Juni, 11.40: „Xing. Einladung zum Workshop: Inkarnationen verstehen und erleben.“ (weiß nicht, ob man sich noch anmelden kann, ist schon am 15. Juni)
  • 29. Mai, 15.33: „Federmäppchen verloren“. Hat jemand „irgendwo vergessen“. Würde der Sache nachgehen.

Die Rückkehr der Angst

Und dann bleibt die U-Bahn stehen. Einfach so. Im Tunnel. Die Gespräche verstummen, die Blicke zucken nach draußen, ins Schwarze. Das Mädchen aus Boston hatte noch gesagt. „Can we please not take the Metro?“.

In Deutschland halten viele die Amerikaner für hysterisch. Und natürlich ist sie absurd, diese Email vom Präsidenten der American University. Die Patrouillen der Campus-Polizei würden verstärkt. Hysterie. Ja. Vielleicht. Vermutlich. Aber ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht.

Letztes Semester erzählte mir eine Amerikanerin die Geschichte von 9/11. Klar fanden wir das auch schlimm, nie werden wir die Bilder der zwei einstürzenden Türme vergessen. Aber verstehen können wir das nicht, wie das ist, im eigenen Land. In Deutschland hat es nie einen Terroranschlag gegeben.

Die Amerikanerin, damals muss sie so acht Jahre alt gewesen sein, hatte Angst. Noch Tage, Monate, Jahre später. „Ich habe davon geträumt, wie Bomben in Los Angeles einschlagen, nächtelang.“ George W. Bush war ihr Held. Seine Rede am Ground Zero, seine Pläne, die USA vor den Terroristen zu schützen. Da fühlte sie sich sicher.

Auf dem Titel des Indianapolis Star stand heute morgen „It can happen anytime, anyplace.“ Die USA Today titelt „Terror returns.“ Und damit die Angst. Zumindest für einen kurzen Augenblick.

Dann lächeln alle. Natürlich ist sie weitergefahren, die Metro. Stupid thought.